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Wir standen an der Ampel, und als diese auf Grün umschaltete, fuhr der Volkswagen Käfer vor uns nicht los. Joy, meine Mitbewohnerin, hupte laut. Nichts passierte. Keine Reaktion. So griff sie ins Lenkrad und manövrierte den Ford Mustang, in dem wir saßen, an dem Wagen vorbei.
Beim Überholen sahen wir schließlich, warum der Fahrer nicht weitergefahren war.
Er war tot. Blut lief an seinem Hals entlang.
Ein “Drive-By” Shooting.
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Ein ander Mal waren wir zu einer Party eingeladen, mitten in Downtown Los Angeles, in den alten Fabrikhallen aus den dreissiger Jahren, in welchen viele Künstler seinerzeit ihre Ateliers hatten. Als wir durch ein paar kleinere Straßen des Viertels fuhren und in eine weitere abbogen, hielt das Auto vor uns plötzlich mitten in der Fahrt an. Es fuhr nicht zur Seite, um uns vorbeizulassen, sondern blieb einfach mitten auf der Straße stehen – die Lichter gingen aus. Ich dachte (was jeder in dem Moment denken würde), es sei sicher etwas technisch nicht in Ordnung und wollte anhalten, um auszusteigen. Yuno, meine japanische Studienfreundin, hielt mich zurück. “Fahr weiter. Halt bloß nicht an!”, warnte sie mich. Da sie schon länger in Los Angeles lebte, glaubte ich ihr, war die Stadt doch so unberechenbar.
Gefahr lauert an jeder Ecke.
So fuhren wir weiter, zur Party, und feierten ausgiebig bis zum Morgengrauen.
Am kommenden Tag erschien ein Artikel in der Los Angeles Times, in welchem von einer neuen Gang berichtet wurde, die es sich zum Spaß machte, mitten in der Fahrt zu stoppen, um dann, falls ein Autofahrer (aus Besorgnis) anhalten würde (um nach dem Rechten zu sehen), diese Person kaltblütig abzuknallen.
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Gangs (bewaffnete, teils extrem gefährliche Strassenbanden) gehören einfach zu dieser Stadt, ebenso wie meterhohe Palmen, Smog, Bauhaus Architektur, Drive-In Kinos, California Beach Feeling, illegal eingewanderte Mexikaner und Erdbeben (letzteres durfte ich ebenfalls live miterleben).
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Eines Tages bin ich schließlich in einen Waffenladen gegangen, um mir ein Verteidigungsspray zu besorgen. Ich bekam es nicht. Schlicht mit der Begründung: “Zu viel Missbrauch für kriminelle Zwecke.”, so die Worte des dickbäuchigen Eigentümers, der, mit Baseball Kappe auf dem Kopf und einer dicken rauchenden Zigarre im Mund, schwer atmend, hinter seiner Ladentheke stand. Eine Pistole hätte ich jedoch haben können. Wollte ich aber nicht.
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Zu einer anderen Zeit war ich mit Freunden in Santa Monica unterwegs, wir befanden uns in West Hollywood zurück auf den Weg nach Pasadena. Es war zwei Uhr morgens. Als wir an der Ampel standen, blickte ich auf die Seite und sah einen drogensüchtigen Farbigen an der Ecke eines Hauses lehnen. Seine Kleidung war extrem verschmutzt, seine Augen sahen nach Crack aus, zwei dunkle Höhlen in einem zerfurchten vor Dreck verschmierten Gesicht. Vertrocknetes Blut hing an seiner Wange. Er hielt ein kleines Baby in den Armen. Der Säugling war sauber angezogen, wirkte gepflegt, gut versorgt, und war höchstens drei Monate alt. Neben dem Mann stand ein (höchstens vierzehnjähriges) farbiges und sehr mageres Mädchen – ebenso heruntergekommen im Anblick, gekleidet in einem kurzen Plastikrock, halterlosen Strümpfen und roten Overknee-Stiefeln aus Lack.
Ich sah ihn erstaunt an, eine derartige Kombination dreier Menschen sieht man ja nicht alle Tage, war das kleine Kind doch weißhäutig und passte irgendwie nicht recht in das mir dargebotene Szenario. Er bemerkte meinen Blick, langte sofort in seine Jackentasche (wie es schien, um dort nach “etwas zu suchen”) und warf mir einen warnenden, furchteinflößenden Blick zu. Seine Augen schienen dunkel und böse, seine Mimik zornig und aggressiv. Sofort blickte ich weg. Zu gefährlich. Das war eine Art Blick, wie man ihn sehr schnell in dieser Stadt kennen lernt. Ein Warnschuss.
Ein Blick, der tatsächlich (!) töten kann.
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Zu Beginn meiner Zeit in Los Angeles war ich mir der Gefahren dieser Stadt noch nicht bewusst. Irgendwann, in jenen ersten Wochen dort, als ich wieder mal in der glühenden Mittagshitze von der Uni nach Hause fuhr, stoppte ich bei einem Liquor Store, um mir Zigaretten zu besorgen. Ich zahlte, und – da ich nicht mit einem derartigen Ereignis rechnete – wunderte ich mich lediglich, warum ein paar Typen so hektisch umher eilten und schließlich, unter lautem Geschrei, aus dem Shop rannten. Als ich aus dem Laden trat, war ich plötzlich mitten in einer Schiesserei. Zwei Typen versteckten sich hinter einem Auto, das ungefähr zehn Meter vom Eingang entfernt stand. Drei andere waren auf der gegenüberliegenden Strassenseite hinter einem anderen Auto. Alle schossen aufeinander, wer in welche Richtung, konnte ich in dem Trubel jedoch nicht erkennen. Ein Mann zog mich in den Laden zurück.
So schnell, wie alles angefangen hatte, war es auch wieder vorbei.
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Abends wird es in Los Angeles sehr schnell dunkel. Schon um achtzehn Uhr. Meinen Hund, einen Husky, den ich damals hatte, führte ich nur bis zu dieser Zeit spazieren, nie danach. Man weiß in dieser Stadt nie, wer und was um die nächste Straßenecke auf einen warten könnte. Ich bin wirklich nicht der ängstliche Typ, in New York bin ich Jahre später, morgens um vier, mitten durch eine bewaffnete Gang spaziert. Sie haben mir nichts getan, machten mir den Weg frei, eben weil ich keine Angst zeigte, und einen Blick “aufsetzte”, den man mir zuvor in Los Angeles beigebracht hatte.
Los Angeles ist tatsächlich oft wie ein David Lynch Film.
Kennt man die Stadt, versteht man seine Filme.
Die Stadt der Engel.
© Blank